Das Buch eines Lebens ist wie die Folge der Jahrringe eines Baumes.

Wie es ist

Das Buch Kohelet 9.1-6

Zum Thema: Grenzen der Erkenntnis

9 1 Denn ich habe über dies alles nachgedacht und dies alles überprüft, wobei sich ergab: Die Gesetzestreuen und Gebildeten mit ihrem Tun stehen unter Gottes Verfügung. Der Mensch erkennt nicht, ob er geliebt ist oder ob er verschmäht ist. So liegt auch bei ihnen beides offen vor ihnen.

2 Beides - wie bei allen Menschen. Aber ein und dasselbe Geschick trifft den Gesetzestreuen und den Gesetzesbrecher, den Guten, den Reinen und den Unreinen, den Opfernden und den, der nicht opfert. Dem Guten ergeht es wie dem Sünder, dem Schwörenden ebenso wie dem, der den Schwur scheut.

3 Das ist das Schlimme an allem, was unter der Sonne getan wurde, dass alle dann ein und dasselbe Geschick trifft und dass in den Menschen überdies die Lust zum Bösen wächst und Verblendung ihren Geist erfasst, während sie leben und danach, wenn sie zu den Toten müssen -

4 ja, wer würde da ausgenommen? Für jeden Lebenden gibt es noch Zuversicht. Denn: Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.

5Und: Die Lebenden erkennen, dass sie sterben werden; die Toten aber erkennen überhaupt nichts mehr. Sie erhalten auch keine Belohnung mehr; denn die Erinnerung an sie ist in Vergessenheit versunken.

6  Liebe, Hass und Eifersucht gegen sie, all dies ist längst erloschen. Auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne getan wurde.

Ich wandte mich und sah ...

Das Buch Kohelet 9.7-10, 11-12

Freude und kraftvolles Handeln:

9 7 Also: Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel.

8 Trag jederzeit frische Kleider und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt.

9 Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Windhauch. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst.

10 Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu! Denn es gibt weder Tun noch Rechnen noch Können noch Wissen in der Unterwelt, zu der du unterwegs bist.

 

Zufall und Zeit:

9 11 Wiederum habe ich unter der Sonne beobachtet: Nicht den Schnellen gehört im Wettlauf der Sieg, /nicht den Tapferen der Sieg im Kampf, / auch nicht den Gebildeten die Nahrung, / auch nicht den Klugen der Reichtum, / auch nicht den Könnern der Beifall, / sondern jeden treffen Zufall und Zeit.

12 Außerdem: Der Mensch kennt seine Zeit nicht. Wie Fische, die ins Unglücksnetz geraten sind, /wie Vögel, die ins Klappnetz geraten sind, / ebenso verfangen sich die einzelnen Menschen in ihre Unglückszeit, / wenn sie plötzlich über sie herabfällt.

 

Der große Bogen

Das Buch Kohelet 9.13-18, 11.1-3

Wissen und Macht:

9 13 Auch Folgendes habe ich unter der Sonne beobachtet, ein Beispiel von Wissen, das ich für bedeutsam hielt:

14 Es war eine kleine Stadt. Die hatte nur wenige Einwohner. Ein mächtiger König zog gegen sie aus. Er schloss sie ein und baute gegen sie hohe Belagerungstürme.

15 In der Stadt fand sich ein armer, aber gebildeter Mann. Der rettete die Stadt durch sein Wissen. Später aber erinnerte sich kein Mensch mehr an diesen armen Mann.

16 Da sagte ich: Wissen ist besser als Macht, /aber das Wissen des Armen gilt nichts / und niemand will seine Worte hören.

17 Bedächtige Worte von Gebildeten hört man sich lieber an /als das Geschrei des Herrschers der Ungebildeten

18 und Wissen ist besser als Waffen - /aber ein Einziger, der falsch entscheidet, / kann viele Werte zerstören.

Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit der Zukunft:

11 1 Leg dein Brot auf die Wasserfläche, /denn noch nach vielen Tagen wirst du es wieder finden -

2 verteil dein Kapital auf sieben oder gar auf acht; /denn du weißt nicht, welches Unglück über das Land kommt.

3 Wenn die Wolken sich mit Regen füllen, /schütten sie ihn auch über das Land aus; wenn ein Baum nach Süden oder Norden fällt - / wohin der Baum auch fällt, da bleibt er liegen.

gespannt

Das Buch Kohelet 11.4-10

Tatkräftiges Handeln:

11 4 Wer ständig nach dem Wind schaut, kommt nicht zum Säen, /wer ständig die Wolken beobachtet, kommt nicht zum Ernten.

5 Wie du den Weg des Windes ebenso wenig wie das Werden des Kindes im Leib der Schwangeren erkennen kannst, so kannst du auch das Tun Gottes nicht erkennen, der alles tut.

6 Am Morgen beginne zu säen, auch gegen Abend lass deine Hand noch nicht ruhen; denn du kannst nicht im Voraus erkennen, was Erfolg haben wird, das eine oder das andere, oder ob sogar beide zugleich zu guten Ergebnissen führen.

7 Dann wird das Licht süß sein /und den Augen wird es wohl tun, die Sonne zu sehen.

8 Denn selbst wenn ein Mensch viele Jahre zu leben hat, /freue er sich in dieser ganzen Zeit / und er denke zugleich an die dunklen Tage: / Auch sie werden viele sein. / Alles, was kommt, ist Windhauch.

 

Freude in der Jugend im Blick auf Alter und Tod:

11 9 Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, /sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, / zu dem, was deine Augen vor sich sehen. [ Aber sei dir bewusst, dass Gott dich für all das vor Gericht ziehen wird.]

10 Halte deinen Sinn von Ärger frei /und schütz deinen Leib vor Krankheit; / denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch

 

Der Segen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang. 

Rainer Maria Rilke

An Stand

An die Nachgeborenen

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!  
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn  
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende  
Hat die furchtbare Nachricht  
Nur noch nicht empfangen. 

Was sind das für Zeiten, wo  
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.  
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!  
Der dort ruhig über die Straße geht  
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde  
Die in Not sind? 

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt  
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts  
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.  
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.) 

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!  
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn  
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und  
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?  
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.  
In den alten Büchern steht, was weise ist:  
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit  
Ohne Furcht verbringen 

So weiter

-

Auch ohne Gewalt auskommen  
Böses mit Gutem vergelten  
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen  
Gilt für weise.  
Alles das kann ich nicht:  
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!  
 

II 

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung  
Als da Hunger herrschte.  
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs  
Und ich empörte mich mit ihnen.  
So verging meine Zeit  
Die auf Erden mir gegeben war. 

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten  
Schlafen legte ich mich unter die Mörder  
Der Liebe pflegte ich achtlos  
Und die Natur sah ich ohne Geduld.  
So verging meine Zeit  
Die auf Erden mir gegeben war.  
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.  
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.  
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden  
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.  
So verging meine Zeit  
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel  
Lag in großer Ferne

Im Sein

-

Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich  
Kaum zu erreichen.  
So verging meine Zeit  
Die auf Erden mir gegeben war.   

III 

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut  
In der wir untergegangen sind  
Gedenkt  
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht  
Auch der finsteren Zeit  
Der ihr entronnen seid. 

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd  
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt  
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. 

Dabei wissen wir doch:  
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit  
verzerrt die Züge.  
Auch der Zorn über das Unrecht  
Macht die Stimme heiser. Ach, wir  
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit  
Konnten selber nicht freundlich sein. 

Ihr aber, wenn es so weit sein wird  
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist  
Gedenkt unserer  
Mit Nachsicht.

(Bertolt Brecht)

Vom Menschen

Essay on Man

Know then thyself, presume not God to scan,
The proper study of mankind is man.
Placed on this isthmus of a middle state,
A being darkly wise, and rudely great:
With too much knowledge for the sceptic side,
With too much weakness for the stoic's pride,
He hangs between; in doubt to act, or rest;

ln doubt to deem himself a god, or beast;
In doubt his mind or body to prefer;
Bom but to die, and reasoning but to err;
Alike in ignorance, his reason such,
Whether he  thinks too little, or too much:
Chaos of Thought and Passion, all confused;
Still by himself abused or disabused;
Created half to rise, and half to fall;
Great lord of all things, yet a prey to all;
Sole judge of truth, in endless error hurl’d:

The glory, jest, and riddle of the world!
Go, wondrous creature! mount where Science guides,
Go, measure earth, weigh air, and state the tides;
Instruct the planets in what orbs to run,
Correct old Time, and regulate the sun;
Go, soar with Plato to th’ empyreal sphere,
To the first good, first perfect, and first fair;
Or tread the mazy round his followers trod,
And quitting sense call imitating God;
As Eastern priests in giddy circles run,
And turn their heads to imitate the sun.

Vom Menschen II

Essay on Man

Go, teach Eternal Wisdom how to rule-
Then drop into thyself, and be a fool!
Superior beings, when of late they saw
A mortal man unfold all Nature's law,
Admired such wisdom in an earthly shape,
And show’d a Newton as we show an ape.

Could he, whose rules the rapid comet bind,
Describe or fix one movement of his mind?
Who saw its fires here rise, and there descend,
Explain his own beginning, or his end?

Alas what wonder! Man's superior part
Uncheck’d may rise, and climb from art to art;
But when his own great work is but begun,
What reason weaves, by passion is undone.
Trace Science then, with modesty thy guide;
First strip off all her equipage of pride; ,
Deduct but what is vanity or dress,
Or learning’s luxury, or idleness;
Or tricks to show the stretch of human brain,
Mere curious pleasure, or ingenious pain;
Expunge the whole, or lop the excrescent parts
Of all our vices have created arts;
Then see how little the remaining sum,
Which served the past, and must the times to come!

Vom Menschen III

Essay on Man

ll. Two principles in human nature reign;
Self-love, to urge, and Reason, to restrain;
Nor this a good, nor that a bad we call,
Each works its end, to move or govern all:
And to their proper operation still,
Ascribe all good; to their improper, ill.

Self-love, the spring of motion, acts the soul;
Reason’s comparing balance rules the whole.
Man, but for that, no action could attend,
And, but for this, were active to no end:
Fix’d like a plant on his peculiar spot,
To draw nutrition, propagate, and rot:
Or, meteor-like, flame lawless through the void,
Destroying others, by himself destroy’d.

Most strength the moving principle requires;
Active its task, it prompts, impels, inspires.
Sedate and quiet the comparing lies,
For’md but to check, deliberate, and advise.
Self-love, still stronger as its objects high;
Reason’s at distance, and in prospect lie:
That sees immediate good by present sense;
Reason, the future and the consequence.
Thicker than arguments, temptations throng,
At best more watchful this, but that more strong.
The action of the stronger to suspend
Reason still use, to reason still attend.

Vom Menschen IV

Essay on Man

Attention, habit, and experience gains;
Each strengthens reason, and self-love restrains.
Let subtle schoolmen teach these friends to fight,
More studious to divide than to unite;
And grace and virtue, sense and reason split,

With all the rash dexterity of wit.

Wits, just like fools, at war about a name,
Have full as oft no meaning, or the same.
Self-love and reason to one end aspire,
Pain their aversion, pleasure their desire;
But greedy that its object would devour,
This taste the honey, and not wound the flower:
Pleasure, or wrong or rightly understood,
Our greatest evil, our greatest good.

 

III. Modes of self-love the passions we may call:
’Tis real good, or seeming, moves them all:
But since not every good we can divide,
And reason bids us for our own provide;
Passions, though selfish, if their means be fair,
’List under reason, and deserve her care:
Those that imparted court a nobler aim,
Exalt their kind, and take some virtue's name.

Vom Menschen V

Essay on Man

In lazy apathy let Stoics boast
Their virtue fix'd; 'tis fix'd as in a frost;
Contracted all, retiring to the breast;
But strength of mind is exercise, not rest:
The rising tempest puts in act the soul,
Parts it may ravage, but preserves the whole.

On life's vast ocean diversely we sail,
Reason the card, but passion is the gale;
Nor God alone in the still calm we find,
He mounts the storm, and walks upon the wind.
Passions, like elements, though born to fight,
Yet, mix’d and soften'd, in His work unite:
These 'tis enough to temper and employ;
But what composes man, can man destroy?
Suffice that reason keep to Nature's road,
Subject, compound them, follow her and God.

Love, hope, and joy, fair pleasure's smiling train,
Hate, fear, and grief, the family of pain,
These mix'd with art, and to due bounds confined,
Make and maintain the balance of the mind:
The lights and shades, whose well-accorded strife
Gives all the strength and colour of our life.

Pleasures are ever in our hands or eyes;
And when in act, they cease; in prospect, rise:
Present to grasp, and future still to find,
The whole employ of body and of mind.

Vom Menschen VI

Essay on Man

All spread their charms, but charm not all alike;
On different senses, different objects strike;
Hence different passions more or less inflame,
As strong or weak, the organs of the frame;
And hence one master passion in the breast,
Like Aaron's serpent, swallows up the rest.

As man, perhaps, the moment of his breath
Receives the lurking principle of death;
The young disease, that must subdue at length,
Grows with his growth, and strengthens with his strength;
So, cast and mingled with his very frame,
The mind's disease, its ruling passion came;
Each vital humour which should feed the whole,
Soon flows to this, in body and in soul:

Whatever warms the heart, or fills the head,
As the mind opens, and its functions spread,
Imagination plies her dangerous art,
And pours it all upon the peccant part.
Nature its mother, habit is its nurse;
Wit, spirit, faculties, but make it worse;
Reason itself but gives it edge and power,
As Heaven's blest beam turns vinegar more sour.

We, wretched subjects though to lawful sway,
ln this weak queen some favourite still obey:
Ah! if she lend not arms as well as rules,
What can she more than tell us we are fools?
Teach us to mourn our nature, not to mend,
A sharp accuser, but a helpless friend!

Vom Menschen VII

Essay on Man

Or from a judge turn pleader, to persuade
The choice we make, or justify it made;
Proud of an easy conquest all along,
She but removes weak passions for the strong:
So, when small humours gather to a gout,
The doctor fancies he has driven them out.

Yes, Nature's road must ever be preferr'd;
Reason is here no guide, but still a guard;
'Tis hers to rectify, not overthrow,
And treat this passion more as friend than foe:
A mightier power the strong direction sends,
And several men impels to several ends:
Like varying winds, E; other passions toss’d,
This drives them constant to a certain coast.

Let power or knowledge, gold or glory please,
Or (oft more strong than all) the love of ease;
Through life 'tis follow'd, even at life's expense;
The merchant's toil, the sage's indolence,
The monk’s humility, the hero's pride,
All, all alike find reason on their side.

The eternal art educing good from ill,
Grafts on this passion our best principle:
’Tis thus the mercury of man is fix’d,
Strong grows the virtue with his nature mix’d;
The dross cements what else were too refined,
And in one interest body acts with mind.

 

 

Vom Menschen VIII

Essay on Man

As fruits, ungrateful to the planter's care,
On savage stocks inserted learn to bear;
The surest virtues thus from passions shoot,
Wild Nature's vigour working at the root.
What crops of wit and honesty appear
From spleen, from obstinacy, hate, or fear!

See anger, zeal and fortitude supply,
Even av'rice, prudence; sloth, philosophy;
Lust, through some certain strainers well refined,
ls gentle love, and charms all womankind;
Envy, to which the ignoble mind's a slave,
ls emulation in the learn’d or brave;
Nor virtue, male or female, can we name,
But what will grow on pride, or grow on shame.

Thus Nature gives us (let it check our pride)
The virtue nearest to our vice allied:
Reason the bias tums to good from ill,
And Nero reigns a Titus, if he will.
The fiery soul abhorr’d in Catiline,
In Decius charms, in Curtius is divine:
The same ambition can destroy or save,
And makes a patriot as it makes a nave.

Vom Menschen IX

Essay on Man

IV. This light and darkness in our chaos join'd,
What shall divide? The God within the mind.
Extremes in Nature equal ends produce,
In man they join to some mysterious ‘use;
Though each by turns the other's bounds invade,
As, in some well-wrought picture, light and shade,
And oft so mix, the difference is too nice
Where ends the virtue or begins the vice.

Fools! who from hence into the notion fall
That vice or virtue there is none at all.
If white and black blend, soften, and unite
A thousand ways, is there no black or white?
Ask your own heart, and nothing is so plain;
Tis to mistake them, costs the time and pain.

V. Vice is a monster of so frightful mien,
As, to be hated, needs but to be seen;
Yet seen too oft, familiar with her face,
We first endure, then pity, then embrace.
But where the extreme of vice, was ne'er agreed:
Ask where's the north? at York, 'tis on the Tweed;

In Scotland, at the Orcades; and there,
At Greenland, Zembla, or the Lord knows where.
No creature owns it in the first degree,
But thinks his neighbour father gone than he:
Even those who dwell beneath its very zone,
Or never feel the rage, or never own;
What happier natures shrink at with affright,
The hard’ inhabitant contends is right.

Vom Menschen X

Essay on Man

Virtuous and vicious every man must be,
Few in the extreme, but all in the degree;
The rogue and fool by fits is fair and wise;
And even the best by fits what they despise.
'Tis but by parts we follow good or ill;
For, vice or virtue, self directs it still;
Each individual seeks a several goal;
But Heaven's great view is one, and that the whole,
That counter-works each folly and caprice
That disappoints the effect of every vice;

That, happy frailties to all ranks applied:
Shame to the virgin, to the matron pride,
Fear to the statesman, rashness to the chief;
To kings presumption, and to crowds belief:
That, virtue’s ends from vanity can raise,
Which seeks no interest, no reward but praise;
And build on wants, and on defects of mind,
The joy, the peace, the glory of mankind.

Heaven forming each on other to depend,
A master, or a servant, or a friend,
Bids each on other for assistance call,
Till one man's weakness grows the strength of all.
Wants, frailties, passions, closer still ally
The common interest, or endear the tie.

Vom Menschen XI

Essay on Man

To these we owe true friendship, love sincere,
Each homefelt joy that life inherits here;
Yet from the same we learn, in its decline,
Those joys, those loves, those interests to resign;
Taught half by reason, half by mere decay,
To welcome death, and calmly pass away.

Whate'er the passion, knowledge, fame, or pelf,
Not one will change his neighbour with himself.
The leam'd is happy Nature to explore,
The fool is happy that he knows no more;
The rich is happy in the plenty given,
The poor contents him with the care of Heaven
See the blind beggar dance, the cripple sing,
The sot a hero, lunatic a king;
The starving chemist in his golden views
Supremely blest, the poet in his muse.

See some strange comfort every state attend,
And pride bestow'd on all, a common friend:
See some fit passion every age supply,
Hope travels through, nor quits us when we die.
Behold the chili by Nature's kindly law,
Pleased with a rattle, tickled with a straw:
Some livelier plaything gives his youth delight,
A little louder, but as empty quite:
Scarfs, garters, gold, amuse his riper stage,
And beads and prayer-books are the toys of age:
Pleased with this bauble still, as that before;
Till tired he sleeps, and life's poor play is o'er.

Vom Menschen XII

Essay on Man

Meanwhile opinion gilds with varying rays
Those painted clouds that beautify our days;
Each want of happiness by hope supplied,
And each vacuity of sense by pride:
These build as fast as knowledge can destroy;
In folly’s cup still laughs the bubble, joy;
One prospect lost, another still we gain;
And not a vanity is given in vain;
Even mean self-love becomes, by force divine,
The scale to measure others’ wants by thine.
See! and confess, one comfort still must rise;
’Tis this, — though man's a fool, yet God is wise.

 

Alexander Pope (1688-1744)

Geworfene

I Am A Wanderer

I am a wanderer, feet on the ground, Heart on my sleeve and my head in the clouds. I own the star above some distant shore, Wandering ever more. I am a refugee torn from my land, Cast off to travel this world to its end. Never to see my proud mountains again But I still remember them.

I am a labourer, sign round my neck: "Will work for dignity, trust and respect". Stand on this corner so you don't forget I haven't had mine yet. I am a prisoner pacing my cell, Three steps and back, my corner of hell.

Lock me away and you swallow the key, But some day I shall be free.
And I'll be a wanderer, feet on the ground, Heart on my sleeve and my head in the clouds. I own the star above some distant shore, Wandering ever more.

Joan Baez

 

Die Errungenschaften

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten, wäre das Problem. Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben, wo ein endlich Sein in alledem? - Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt: Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen, und das willig Liegende verschwimmt - Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; - aber auch in ihnen flimmert Zeit. Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke

Der Start

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern In andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden... Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

 

Blick nach Vorn

Desiderata

Gehe gelassen inmitten von Lärm und Hast und denke an den Frieden der Stille.

So weit als möglich, ohne dich aufzugeben, sei auf gutem Fuß mit jedermann. Sprich deine Wahrheit ruhig und klar aus, und höre Andere an, auch wenn sie langweilig und unwissend sind, denn auch sie haben an ihrem Schicksal zu tragen. Meide die Lauten und Streitsüchtigen. Sie verwirren den Geist.

Vergleichst du dich mit anderen, kannst du hochmütig oder verbittert werden, denn immer wird es Menschen geben, die bedeutender oder schwächer sind als du. Erfreue dich am Erreichten und an deinen Plänen. Bemühe dich um deinen eigenen Werdegang, wie bescheiden er auch sein mag; er ist ein fester Besitz im Wandel der Zeit.

Sei vorsichtig bei deinen Geschäften, denn die Welt ist voller Betrügerei. Aber lass deswegen das Gute nicht aus den Augen, denn Tugend ist auch vorhanden: Viele streben nach Idealen, und Helden gibt es überall im Leben.

Sei Du selbst. Täusche vor allem keine falschen Gefühle vor. Sei auch nicht zynisch, wenn es um Liebe geht, denn trotz aller Öde und Enttäuschung verdorrt sie nicht, sondern wächst weiter wie Gras.

Blick nach Vorn - 2

Desiderata

Höre freundlich auf den Ratschlag des Alters, und verzichte mit Anmut auf die Dinge der Jugend. Stärke die Kräfte deines Geistes, um dich bei plötzlichem Unglück dadurch zu schützen. Quäle dich nicht mit Wahnbildern. Viele Ängste kommen aus Erschöpfung und Einsamkeit. Bei aller angemessenen Disziplin, sei freundlich zu dir selbst. Genau wie die Bäume und Sterne, so bist auch du ein Kind des Universums. Du hast ein Recht auf deine Existenz.

Und ob du es verstehst oder nicht, entfaltet sich die Welt so wie sie soll. Bleibe also in Frieden mit Gott, was immer er für dich bedeutet, und was immer deine Sehnsüchte und Mühen in der lärmenden Verworrenheit des Lebens seien – bewahre den Frieden in deiner Seele. Bei allen Täuschungen, Plackereien und zerronnenen Träumen ist es dennoch eine schöne Welt.

Sei frohgemut. Strebe danach glücklich zu sein.

von Max Hermann (nach heikohaller.de)

Vermächtnis

Die Himmel rühmen

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort. Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere, Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort.

Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne? Wer führt die Sonn' aus ihrem Zelt? Sie kommt und leuchtet und lacht uns von ferne, Und läuft den Weg gleich wie ein Held.

Vernimm's, und siehe die Wunder der Werke. Die die Natur dir aufgestellt! Verkündigt Weisheit und Ordnung und Stärke Dir nicht den Herrn, den Herrn der Welt?

Kannst du der Wesen unzählbare Heere, Den kleinsten Staub fühllos beschaun? Durch wen ist alles? O gib ihm die Ehre! Mir, ruft der Herr, sollst du vertraun.

Mein ist die Kraft, mein ist Himmel und Erde; An meinen Werken kennst du mich. Ich bin's, und werde sein, der ich sein werde, Dein Gott und Vater ewiglich.

Ich bin dein Schöpfer, bin Weisheit und Güte, Ein Gott der Ordnung und dein Heil; Ich bin's! Mich liebe von ganzem Gemüte, Und nimm an meiner Gnade teil.

Christian Fürchtegott Gellert (ersten 2 Strophen vertont von Ludwig van Beethoven)

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Von der Freundlichkeit der Welt

Auf die Erde voller kaltem Wind
Kamt ihr alle als ein nacktes Kind.
Frierend lagt ihr ohne alle Hab
Als ein Weib euch eine Windel gab.

Keiner schrie euch, ihr wart nicht begehrt
Und man holte euch nicht im Gefährt.
Hier auf Erden wart ihr unbekannt
Als ein Mann euch einst nahm an der Hand.

Von der Erde voller kaltem Wind
Geht ihr all bedeckt mit Schorf und Grind.
Fast ein jeder hat die Welt geliebt
Wenn man ihm zwei Hände Erde gibt.

Bertolt Brecht

Die Etappen

Erinnerung an die Marie A.

1
An jenem Tag im blauen Mond September Still unter einem jungen Pflaumenbaum Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe In meinem Arm wie einen holden Traum. Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheur oben Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde Geschwommen still hinunter und vorbei. Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen Und fragst du mich, was mit der Liebe sei? So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst. Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

3
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen Wenn nicht die Wolke dagewesen wär Die weiß ich noch und werd ich immer wissen Sie war sehr weiß und kam von oben her. Die Pflaumebäume blühn vielleicht noch immer Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind Doch jene Wolke blühte nur Minuten Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Bertolt Brecht

Die Etappen - 2

Schöpfung / Friede

Gerste im Wind

Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnloser Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.


Gib uns den Mut und die Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Menschen tragen.

Gebet der Vereinten Nationen, Stephen Vincent Benét (1898-1943)

Die Hürden

Heute ist dein Tag

Wir können alles, was wichtig und wertvoll ist, wiederholen. Dann entartet die Zeit nicht zu einer unbarmherzigen Linie, die einen Anfang und ein Ende hat, sie erweist sich vielmehr als Kreis. Bei den irischen Kelten hat der Kreis der Zeit eine große, eine geradezu heilige Bedeutung. Sie legten Steinkreise an, um sie achtsam zu umschreiten und ihrer Seele Gelegenheit zu geben, die Mitte zu finden. Später erscheint die Zeit als Kreis, als Erdball und als Sonne eingezeichnet in die beiden Balken des christlichen Kreuzes und bringt das erlöste Leben des Menschen mit Gottes Ewigkeit zusammen ... So entstand an den Klippen des Atlantiks dieses Gebet.

Mit seinen Worten beginnt seither mein Tag. Tausendfach habe ich dieses Gebet als Kärtchen verschenkt:

Im Namen Gottes achte gut auf diesen Tag. Achte gut auf die Menschen, sie sind dir anvertraut. Jeder neue Tag ist dein Leben. Er ist ein Geschenk für dich. Heute ist dein Tag. Sei dankbar und freue dich über die Sonne am Morgen. Lebe im Frieden mit dir und finde zur Ruhe in der Nacht. Sei gesegnet und werde zum Segen allen, die dir heute begegnen.

Roland Breitenbach

Die offen Aufgabe

Angelpunkte

Die Natur vereinigt überall, der Verstand scheidet überall,
aber die Vernunft einigt wieder;
daher ist der Mensch, ehe er anfängt zu philosophieren,
der Wahrheit näherals der Philosoph, der seine Untersuchung
noch nicht durch die Kategorien durchgeführt und geendigt hat.

♣♥♣

Alles unser Wissen ist ein Darlehen der Welt und der Vorwelt.
Der tätige Mensch trägt es an die Mitwelt und Nachwelt ab;
der untätige stirbt mit einer unbezahltenSchuld.
Jeder, der etwas Gutes bewirkt, hat für die Ewigkeit gearbeitet.

♠♦♠

Friedrich Schiller

Aus der Zeit - in die Zeit

Realismusbegriff

„Realistisch heißt: den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend / die herrschende Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend / vom Standpunkt der Klasse aus schreibend, welche für die dringendsten Schwierigkeiten, in denen die menschliche Gesellschaft steckt, die breitesten Lösungen bereit hält / das Moment der Entwicklung betonend / konkret und das Abstrahieren ermöglichen.

Bertolt Brecht